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Missbrauchsskandal bei den Domspatzen

 
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Geigenberger
Site Admin


Anmeldungsdatum: 06.12.2003
Beiträge: 561

BeitragVerfasst am: 03.04.2010, 8:22    Titel: Missbrauchsskandal bei den Domspatzen Antworten mit Zitat

Als ehemaliges Mitglied der Regensburger Domspatzen werde ich in den letzten Tagen häufig gefragt, wie ich denn die vielen Misshandlungen während meiner Gymnasialzeit vertragen habe. Besonders der im Anhang hierher kopierte große Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 31.3.2010 fordert mich auf, hier öffentlich eine persönliche Stellungnahme abzugeben.

Ich selber war ja nicht in dieser 'Vorschule' in Etterzhausen, wo Kinder bereits ab der 3. Klasse Volksschule, also ab dem circa 8. Lebensjahr, auf das Domgymnasium in Regensburg „vorbereitet“ wurden, besonders hinsichtlich der musikalischen Ausbildung. Aber ich wusste natürlich schon, dass es schlimm gewesen sein soll, damals dort in Etterzhausen. Dass es aber so war, wie in dem Artikel beschrieben, hätte ich mir nicht vorstellen können. Aber nachdem was ich früher schon über Etterzhausen gehört habe, bezweifle ich keine einzige Silbe dieses Artikels. Haben Sie das Buch "Papillon" gelesen? Beim Lesen dieses Artikels musste ich immer an dieses Buch denken.

Aber bitte!! Man darf die Situation in Etterzhausen wirklich nicht mit der Situation im Regensburger Domgymnasium verwechseln!

Interessant für mich war ja schon immer folgende Tatsache. Mit 84 Schülern trat ich 1984 in das Domgymnasium in Regensburg ein. Es gab drei Fünfte Klassen: In der Klasse 5a waren die Schüler, die ohne "Vorschule" in Etterzhausen gleich das Gymnasium in Regensburg begannen; 5b und 5c waren die 'Etterzhausener'; also ein Verhältnis von 2:1. Und beim Abitur waren wir noch 24 Schüler - und das Verhältnis war nach meiner Erinnerung umgekehrt: 1:2. Wenn man sich das ausrechnet, dann haben von 56 Etterzhausenern nur 8 "durchgehalten". Und bei denen von uns allen, die bis zum Abitur "durchgehalten" haben, waren erstaunlich viele (untraumatisierte?) "Stadtschüler", also Schüler, die in Regensburg selber bei den Eltern wohnten.

Natürlich sind die vielen Meldungen, die heute über Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen die Zeitungen und Fernsehberichte füllen, nicht nur nicht objektiv, es ist eine im höchsten Maße ungerechte Kampagne - besonders gegen die katholische Kirche. Trotzdem! Dieser Artikel jedenfalls deckt sich mit Vorstellungen, die ich damals auf Grund von Schilderungen einiger 'Etterzhausener" gewinnen konnte, ziemlich gut!

Ich halte diesen Artikel auch für recht objektiv und gerecht. Nehmen Sie als Beispiel die Beurteilung von Domkapellmeister Georg Ratzinger, dem Bruder des Papstes. Er hat 'Watschn' ausgeteilt, zu meiner Zeit aber eher sehr selten, und war impulsiv, er war schließlich ein Vollblutmusiker mit allen Emotionen, die dazu gehören, ja auch jähzornig. Diese Charaktereigenschaft wird im Artikel aber relativiert mit der Bemerkung "viel Leidenschaft für die Musik". Aber er hat dies öffentlich zugegeben!!! Ich finde diese Darstellung in diesem Artikel als gut getroffen, jedenfalls unterscheidet sich diese Wertung recht wohltuend von dem sonst derzeit aktuellem Sensationsjournalismus, was dieses Thema angeht. Eine in Maßen angewandte körperliche Züchtigung war nun einmal damals noch im gängigen Repertoire der üblichen Pädagogik, mag man das heutzutage gut oder schlecht heißen. Man hat dies aber heute vergessen.

Auch Bischof Mixa hat sich sicherlich dieser damals üblichen Erziehungsmethoden bedient, davon bin ich fest überzeugt - er soll es halt sagen (wie Georg Ratzinger) und nicht versuchen, gegen sechs eidesstattliche Erklärungen juristisch vorzugehen. Da wird er sich fürchterlich verrennen - und leider der Presse neue Nahrung zum Thema „Vertuschung in der katholischen Kirche“ geben.

Dr. Alfons Geigenberger


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SZ, DIE SEITE DREI

Wer singen will, muss schweigen
Von Karin Prummer und Dominik Stawski

Diese Kinder waren Auserwählte, denn sie gehörten zu einem der ältesten und berühmtesten Knabenchöre der Welt. Doch was sie bei den Regensburger Domspatzen erlebten, machte sie sprachlos. Erst jetzt, als Erwachsene, können sie darüber reden.

Regensburg - Es dauerte Jahrzehnte, bis sie zurückkehrten, an den Ort, der sie nicht loslässt. Josef Eder zum Beispiel. Er streifte durch die Ruine des Internats, durch Scherben und Müll.
Es war gruselig, so als ob ich auf dem, Weg durch die Gänge und Räume erfolglos meine Kindheit suchte. Es war pervers und lebensprägend, was damals geschah. " (Josef Eder, 45, Choreograph, von 1972 bis 1982 Domspatz)
Josef Eder war acht Jahre alt, als er in den Chor kam, als er in das Internat gehen durfte. Er war einer der Auserwählten. Als Erwachsener kam er zurück in die Domspatzenstraße, um zu sehen, wie sei­ne alte Schule verfiel. Er kam wieder, wie so viele, die ihre Jahre hier in diesem Dorf, in Etterzhausen bei Regensburg, als die schlimmsten ihres Lebens beschrei­ben. Als Straflager. Die Zeit in der Vor­schule der Regensburger Domspatzen.
Die Ehemaligen erzählen jetzt von Schlägen, und die seien nicht die Ausnah­me, sondern die Regel gewesen. Sie erzäh­len von einem Klima der Angst und von seelischen Schäden, die geblieben sind. Die meisten haben Jahrzehnte nicht dar­über gesprochen. Sie sind zwischen 28 und 66 Jahre alt, arbeiten als Choreo­graph wie Eder, als Arzt und Psychothera­peut, Wirtschaftsprofessor, Manager, Schafzüchter, Pädagoge. Acht Männer aus vier Jahrzehnten Domspatzen, von 1954 bis 1992 - jetzt reden sie, auch wenn zwei ihren Namen nicht nennen wollen.
Die Domspatzen, sie sind einer der äl­testen Knabenchöre der Welt, zu dem es Münzen gibt, Sonderstempel und eine Briefmarke. Ein Chor, der schon vor der Queen und US-Präsident Ronald Reagan auftrat; der auf Konzertreisen in Japan von Fans belagert wird.
Jahrzehntelang gab es höchstens An­spielungen. Der Münchner Amerikanis­tik-Professor Gert Raeithel beschrieb un­ter dem Pseudonym Richard W.B. McCor­mack das Volk der Bayern und auch die bayerische Sangeslust: „Vorbildlich hie­rin die Regensburger Domspatzen, die das Publikum in aller Welt bejubelt und denen man die blauen Flecken kaum noch ansieht, die die Ausbildung bei ihnen hin­terließ." Auch die Kinder haben es ange­deutet: Die Ausgabe einer Faschingszei­tung der Schüler, mehr als 50 Jahre ist das her, hieß „Alptraum", darunter stand: „Noch Betten frei". Niemand fragte nach. Doch jetzt, da die Berichte über Miss­brauch und Misshandlungen nicht abrei­ßen, haben viele den Mut gefunden, das Verdrängte öffentlich zu machen.
„Wir Domspatzen haben mit Hingabe versucht, unter vielen Entbehrungen, Woche für Woche im Regensburger Dom die Menschen mit unserem Ge­sang ein bisschen glücklich zu machen. Nun verlange ich nur von Seiten der Kirche, gefälligst mit aller Kraft bei der Aufklärung mitzuwirken." (Mar­kus Geiger, 37, Handelsfachwirt, von 1982 bis 1987 Domspatz)

Wilhelm Ritthaler sitzt auf einem anti­ken Stuhl in seinem Bungalow, vor ihm liegt ein Blatt Papier. Darauf die elf wich­tigsten Stichpunkte zu seinem Leben. Un­ter Punkt sechs steht „ Suizidalität ". Wil­helm Ritthaler, 63 Jahre alt, Arzt und Psy­chotherapeut will nichts aus seiner Geschichte vergessen, deswegen die Liste. Neben ihm steht eine Kiste mit Zeitungsausschnitten, Bildern und Prüfungsplä­nen. Es ist das, was materiell übrig geblie­ben ist von seinen elf Jahren als Dom­spatz. Die Ausschnitte zeigen ihn als blon­den Jungen, er steht weit vorne im Chor. Es gibt Bilder vom Besuch beim Papst. Zu solchen Anlässen schrieben Zeitungen Schlagzeilen wie „Lobpreis der Engel", „Musikalischer Zuckerguß", „Domspat­zen zwitschern“. Ritthaler war der Klas­senprimus, viele Jahre Klassensprecher, er war nicht der beste Sänger, aber er war gut genug. Er durfte mitreisen zu den Poli­tikern und den Stars. Nun aber erzählt er von dem, was nicht in den Zeitungen stand: Dass ein Domspatz so sehr geschla­gen worden sei, dass er eine Kieferopera­tion gebraucht habe, dass es „öffentliche Hinrichtungen" im Speisesaal gegeben habe, bei denen Schüler minutenlang zu­sammengeschlagen worden seien, und dann das Tischgebet folgte.
„Ich mochte keine Blutwurst. Aber die Ordensschwester zwang mich dazu, sie aufzuessen. Ich musste mich übergeben. Dann zwang mich die Schwester, das Erbrochene wieder aufzuessen" Vor den Augen der ande­ren Schüler, auch der Direktor und die anderen Schwestern schauten zu. Das war eine der vielen Erniedrigun­gen. Und es war noch nicht mal die schlimmste." (Wilhelm Ritthaler, von 1955 bis 1966 Domspatz)

Als System und als Methode der Erzie­hung bezeichnen er und die anderen die Gewalt, mit der sie lebten und lernten. Es gab auch Fälle von sexuellem Miss­brauch. Sie fanden in Ritthalers Zeit im Chor statt, bekannt ist auch ein Fall in den Siebzigern. Ein Täter ist bereits tot, ein anderer wurde vor kurzem vom Dienst in einer Pfarrgemeinde suspendiert.
Die Bistumsbeauftragte für Fälle kör­perlicher Gewalt hat am Dienstag einen Zwischenbericht vorgestellt. Viele Betrof­fene hätten sich gemeldet. „Die geschilder­ten Taten widersprechen der gottgegebe­nen Würde der Kinder und Jugendli­chen", erklärt das Regensburger Bistum. Von den neun Beschuldigten seien mindes­tens sechs schon gestorben.
Die Laufbahn bei den Domspatzen be­ginnt oft im Grundschulalter, in der soge­nannten Vorschule. Sie stand einst in Et­terzhausen, Anfang der achtziger Jahre zog sie ins nahe Pielenhofen um. Wer gut ist, schafft es aufs Domspatzengymnasi­um in Regensburg. Es ist die Vorschule, die vielen als besonders schlimm in Erin­nerung ist. Die Schüler waren in zwei Gruppen geteilt, eine betreut vom Präfek­ten, die andere von einer Erzieherin oder einer Ordensschwester. Wer bei den Frau­en landete, hatte Glück, dort soll es nur selten Übergriffe gegeben haben.
Die Älteren berichten, auch auf dem Gymnasium sei geschlagen worden. Die Jüngeren, die in den Siebzigern dorthin kamen, empfanden den Übertritt als Er­leichterung. „Regensburg war ein Gymna­sium, Etterzhausen ein Schlachtfeld", sagt Josef Eder. An der Spitze stand fast, 40 Jahre lang Direktor Johann Meier. Die Schläge und die Gewalt hätten erst geen­det, als er 1992 in den Ruhestand ging und der neue Schulleiter kam. Heute gibt es keine großen Schlafsäle mehr, heute arbei­ten ausgebildete Erzieher in den Domspat­zen-Internaten. Mit dem alten Personal sei auch die Gewalt verschwunden. Den früheren Direktor Meier beschreiben die Ehemaligen aber als Sadisten und den Präfekten, der für die Erziehung zuständig war, als nicht minder gewalttätig. Auch andere Lehrer hätten die Kinder ge­quält. Auf verstörende Weise gleichen sich die Strafen, die Erniedrigungen aus den verschiedenen Jahrzehnten.
„Wir standen militärgerecht in Zweierreihen auf dem Gang, um nach Namensaufruf die Post überreicht zu bekommen. Direktor Meier nutzte, diese Momente immer, um seine Strafexekutionen vor den Augen aller durchzuführen. Auf seine Frage, wer denn einen Kaugummi zwischen die Klavierhämmer geklebt habe, trat schüchtern und mutig einer meiner Mitschüler nach vorne. Er konnte gar nicht so schnell schauen, da lag er schon von Meiers Rückhand zu Boden gemäht vor ihm. Meier trat weiter wie auf ein Stück Vieh auf ihn ein. Er krümmte sich, Meier ließ ab, ging weg und machte normal mit der Briefübergabe weiter. Mitzuerleben, wie jemand geschlagen wird, ist fast noch prägender, als selber geschlagen zu werden. Er stahl damals unsere Seelen. " (Josef Eder)
Josef Eder leitet Tanzprojekte mit Ju­gendlichen auf der ganzen Welt. Er kommt aus dem Bayerischen Wald, die El­tern sind Bauern. Als er in den siebziger Jahren Domspatz wurde, war das ein gro­ßer Tag für die Familie. Ein Bekannter or­ganisierte ein Stipendium, die Eltern hät­ten das Schulgeld nicht zahlen können.
Josef Eder ist der Typ Surfer. Leinen­hemd, bunte Hawaii-Kette, unrasiert, lo­cker, lustig. Aber geht es um die Domspat­zen, kämpft er mit den Tränen. „Es war Angst, Terror und Charakterbrechung", sagt er. „Du kannst als Kind ja nicht ein­mal bewerten, ob das, was du erlebst, viel­leicht einfach normal ist."
Psychologen sprechen von einem Schweigekartell. Es kann in geschlosse­nen Institutionen entstehen, in denen es ein Machtgefälle und keine Kontrollme­chanismen gibt. Die Opfer begehren nicht auf, sondern leiden still, weil sie nicht wis­sen, wie sie die Situation einschätzen sol­len. Verängstigt und verschämt beobach­ten sie, was die anderen tun. Und weil die das Gleiche tun, schweigen alle. Wem sollten wir es denn sagen, fragen viele Ehemalige. Den Ordensschwestern? Niemals hätten die was unternommen, sagen sie, denn die Schwestern vergötterten die Geistlichen, die Internatsleitung.
„ Der Präfekt verübte seine Übergriffe vor allem auf Kinder, deren Eltern aus einfachen Verhältnissen kamen und kreuzkatholisch waren. Da hatte er nichts zu befürchten. Mir ging es besser, mein Vater war Akademiker. Ich wurde selbst nicht sexuell missbraucht und auch nicht so oft geschlagen. " (Dieter Kammerer, 66, pensionierter Pädagoge, von 1954 bis1963 Domspatz)

„Das Credo war: Man muss hart sein, weil man später mal etwas Besonderes wird. Also hielt man still. Sie drohten, dass man sonst nicht mit den anderen Schülern im Dom singen dürfe. Darauf fieberten wir Vorschüler das ganze Jahr hin. " (Manager, 28, von 1990 bis 1992 in der Vorschule Pielenhofen)

Viele Eltern glaubten dem Monsignore und dem Präfekten. Sie werden schon wis­sen, was unseren Kindern guttut, sagten sie. Andere beschwerten sich bei der Schulleitung in Pielenhofen, hätten aber zu hören bekommen, das sei normal. Wie­der andere nahmen ihr Kind von der Schu­le. Doch oft erfuhren die Eltern gar nicht erst von den Misshandlungen. Die Briefe in der Vorschule seien zensiert worden, sa­gen die Domspatzen. Und viele Jungen dachten, dass sie die Strafen verdient hät­ten. Sie wollten ihre Eltern stolz machen, ihnen keine Sorgen bereiten.
„Ich habe Bilder vor Augen von Kindern, die mit ihren eigenen Händen unter dem Zaun graben, der das Internat umspannt. Sie suchten ihr Heil in der Flucht nach Hause. Wir sahen immer wieder diese Löcher. Jene, die ausbrachen, brachte die Polizei ein paar Stunden später zurück. Diese Bilder prägen mich bis heute. " (Markus Geiger)

„In Etterzhausen gab es etwa acht bis zehn sogenannte Geigenkammern nebeneinander. Jeder musste darin jeden Tag eine Stunde lang üben. An den Türen war ein Guckloch wie im Gefängnis, durch das schaute die Kontrollperson, um zu prüfen, dass man ja übt. Einer meiner Mitschüler hat in die Kammer geschissen und mit seinem Kot die Wände beschmiert. Für mich war er damals schon ein Held. Es war der genialste, logischste und vernünftigste Ausdruck eines Achtjährigen, um sprachlos mit seiner Umwelt zu kommunizieren und sein Leid auszudrücken. " (Josef Eder)

Aus den Achtjährigen wurden Erwach­sene, doch sie schwiegen weiter. Wie kann es sein, dass jahrzehntelang niemand auf­begehrte? Die Scham der Betroffenen hört auch im Erwachsenenalter nicht auf, sagen Psychologen. Der stärkste Impuls sei, die traumarisierenden Ereignisse zu verdrängen und die Zeit zu beschönigen.

„Ich glaube, das Ganze konnte so lange gut gehen, weil wir ja berühmt waren, ein Pool von talentierten Knaben aus der ganzen BRD. Um es drastisch auszudrücken: Man pinkelt ja nicht auf sein eigenes Bild. " (Anton Kellner, 53, Schafzüchter, von 1966 bis 1972 Domspatz)

Viele brauchten Jahrzehnte, um spre­chen zu können. Sie begannen, Bücher zu schreiben, aber sie verstauten sie in Schubladen. Jetzt fassen sie Mut - doch viele vertrauen dem Regensburger Bis­tum nicht. Bischof Gerhard Ludwig Mül­ler sagt, die Medien hätten sich die Dom­spatzen als Opfer ausgesucht. „ Ein Glanz­stück des Bistums Regensburg soll in den Dreck gezogen werden. Ein katholisches Internat mit Buben beschäftigt die Phan­tasie, die sich genüsslich ausmalt, was al­les hinter den ,hohen Mauern' des Musik­gymnasiums vorgehen mag."
Die Opfer sägen, dass sie sich von sol­chen Sätzen verhöhnt fühlen. Einige schreiben an das Bistum und schicken die E-Mail in Kopie an Medien. Als am 5. März die ersten Fälle von Misshandlun­gen an der Vorschule bekannt wurden, .teilte Bischof Müller mit, dass die Vor­schule nicht zu den Domspatzen gehöre. Auch das ärgert die Opfer. Die Vorschule ist zwar formal selbständig, aber de facto wurde sie gegründet, um noch früher Domspatzen heranzuziehen. Im Kuratori­um der „Stiftung Etterzhausen der Re­gensburger Domspatzen" saßen ein Ver­treter der Kirche und der Domkapellmeis­ter, also der Leiter der Domspatzen. Zwi­schen 1964 und 1994 war das Georg Rat­zinger, der Bruder des heutigen Papstes.
Er hat vor kurzem zugegeben, dass er selbst Ohrfeigen ausgeteilt hat. Ratzinger soll cholerisch gewesen sein, erzählen die Domspatzen. Aber, und das betonen fast alle, es war kein Terror. Bei ihm war viel Leidenschaft für die Musik. Dass aber un­ter seiner Führung Misshandlungen statt­fanden, kritisieren sie. In einem Aufsatz zum Jubiläum des Regensburger Musik­gymnasiums schrieb Ratzinger über den Abschied des gefürchteten Vorschuldirek­tors Meier, „dass sein Erziehungsstil in der modernen Zeit nicht mehr verstanden wurde".
Ratzinger gestand ein, dass ihm Dom­spatzen auf Reisen von den Schlägen er­zählten, aber er habe nicht gewusst, dass es so schlimm war. Die Ehemaligen sagen, als Domkapellmeister hätte er es wissen müssen. „Ein Wort von ihm hätte ge­reicht“, sagt Wilhelm Ritthaler. „Und der Terror wäre vorbei gewesen.“
Psychische Gewalt wirkt oft traumatisierend: Albträume, Depressionen, wenig Selbstwertgefühl, Angst vor Menschen, vor Bindungen, vor sexuellen Beziehungen, das alles können Folgen sein.

„Für mich war das die mit Abstand schlimmste Zeit meines Lebens. Ich glaube, dass jeder von uns innere Verletzungen davongetragen hat. Als ich weg war, habe ich versucht, mir zu sagen: Schwamm drüber, ich habe ja überlebt. "
(Gottfried Rühlemann, 52, Hochschulprofessor und Wirtschafts­prüfer, von 1965 bis 1971 Domspatz)

Viele Ehemalige waren und sind des­halb in Psychotherapie. Zwei kamen En­de der achtziger Jahre auch in die Praxis von Wilhelm Ritthaler. Sie litten unter De­pressionen. Ritthaler sagte ihnen nicht, dass auch er Domspatz war. Er war selbst oft verzweifelt und lebensmüde. Er er­zählt das ruhig, distanziert. Er spricht von emotionaler Deprivation, von post­traumatischer Belastungsstörung und Flashbacks. Und er sagt, ohne Therapie hätte er nicht überlebt.
Seit die Medien über Misshandlungen und Missbrauch bei den Domspatzen be­richten, sind viele Ehemalige nicht mehr zur Ruhe gekommen.
„Eigentlich hätte ich am 1. April eine neue Arbeitsstelle antreten sollen. Ich bin Handelsfachwirt. Aber die letzten Wochen waren einfach zu viel. Diese vielen Berichte über die Domspatzen haben alles wieder hochkommen lassen. Die Zeit dort hat mich krank gemacht. Ich beginne jetzt eine Trau­matherapie in München. Ich muss das alles aufarbeiten. " (Markus Geiger)

Wilhelm Ritthaler trifft sich in diesen Wochen mit Psychotherapeuten aus ganz Deutschland. Er will helfen, ein Institut zur Prävention und Rehabilitation bei kör­perlichem, emotionalem und sexuellem Missbrauch zu gründen. Das ist sein gro­ßes Ziel - andere wollen Rache.

„Direktor Meier hat auf seinem Grabstein ,Monsignore stehen (ein päpstlicher Ehrentitel, Anm. d. Redaktion). Es wäre ein kleines Zeichen der Genugtuung, diesen ,Monsignore' auf seinem Grabstein entfernen zu lassen - auch wenn er es nicht mehr spüren wird, der Herr Prügeldirektor." (Angestellter im öffentlichen Dienst, in den siebziger Jahren in der Vorschule Etterzhausen)

Jeder der acht Männer freut sich, dass nun auch andere reden. Aber sie wissen auch, dass sie Ärger bekommen werden. Sie wissen, dass sie sich rechtfertigen wer­den müssen vor denen, die sie als die Schuldigen sehen. Weil wegen ihnen nun ein Schatten auf den glänzenden Ruf der Domspatzen fällt.
Es ist nun schon wieder viele Jahre her, dass Choreograph Joseph Eder und die an­deren durch die Ruinen des Internats in der Dompatzenstraße in Etterzhausen streiften. Wo früher aber die verwitterten Reste des Internats lagen, stehen nun Ein­familienhäuser mit Pool im Garten. „Plötzlich eine heile Welt", sagt ein Dom­spatz. „Als hätte jemand mit aller Macht, die Vergangenheit auslöschen wollen."

SüddeutscheZeitung, DIE SEITE DREI, Mittwoch, 31. März 2010
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Geigenberger
Site Admin


Anmeldungsdatum: 06.12.2003
Beiträge: 561

BeitragVerfasst am: 18.04.2010, 10:55    Titel: Antworten mit Zitat

Na also! Mixa hat also doch zugeschlagen!!

Ja warum sagt er's denn nicht gleich - so wie Georg Ratzinger, unser ehemaliger Domkapellmeister! Dann wär's nicht so schlimm gewesen - gelegentliche Watschn waren damals in der Tat 'übliche' Erziehungsmethoden, ganz egal, wie man heutzutage dazu steht.

Aber das Vertuschen möchte man weiter so machen. Auch jetzt noch! Diese alten Männer verstehen das einfach nicht.

Das ist sehr sehr traurig - und wundern muß sich niemand, wenn man junge Leute nur noch bis maximal zum Erstkommunionalter in der Kirche sieht.

A. Geigenberger
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rordose



Anmeldungsdatum: 26.03.2011
Beiträge: 1
Wohnort: Neu-Ulm

BeitragVerfasst am: 26.03.2011, 2:27    Titel: mein Alptraum Etterzhausen Antworten mit Zitat

hallo,
ich möchte nicht alte Sachen hochkochen, habe aber das Bedürfnis
zu den ungeheueren Vorgängen in Etterzhausen Stellung zu beziehen.
Meine Eltern und meine Tanten sparten sich jeden Groschen,um mich
auf die Vorschule in Etterzhausen zu schicken.Ich selber freute mich
nun ein kleiner "Domspatz" zu werden.
Also kam ich im Jahr 1959 in das Internat.
Aus meiner anfänglichen Freude,sollte ein Alptraum werden.
Von Anfang an nur Einschüchterung und Schläge.
Das System war sehr ausgeklügelt und alle spielten mit.
Maier als Chef,der Präfekt als Inquisikator und sämtliche Angestellten
sprich Schul- Gesangs und Musiklehrer waren voll integriert.
Nach kurzer Zeit war ich so eingeschüchtert, daß ich nicht wußte
"habe ich jetzt einen Fehler gemacht oder doch nicht", gibt es gleich
wieder Prügel. Das Selbstvertrauen wurde einem total gebrochen,
man fühlte sich als Kind als Versager und hatte seinen Eltern gegenüber
ein schlechtes Gewissen. Nachts überlegte man sich nur "wie kann ich hier
abhauen" und das als zehnjähriges Kind. Ich bin dann auch zweimal ausgerissen und meine Eltern erlösten mich dann auch von diesem
Martyrium.
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Geigenberger
Site Admin


Anmeldungsdatum: 06.12.2003
Beiträge: 561

BeitragVerfasst am: 26.03.2011, 8:56    Titel: Antworten mit Zitat

Hallo Rordose,

ich hoffe, Dein Lebensweg verlief dann in besseren Bahnen. Du warst also nach Etterzhausen dann nicht im Regenburger Domgymnasium?

Ich bin gleich dort 'eingestiegen', also ohne diese 'Vorschule'. Dort wäre die Situation nämlich gut geworden: Von Misshandlungen dort weiß ich absolut nichts.

Alles Gute!

A. Geigenberger
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